Der Großteil historischer Untersuchungen zur Geschichte der österreichischen Psychologie in der Zeit des Nationalsozialismus liegt bis heute nur in Form verstreuter und oft nur mehr schwer zugänglicher Einzelfalluntersuchungen vor. Viele Aspekte der akademischen und berufspraktischen Entwicklung des Faches sind bis heute unbekannt.
Ein Grund für diese Forschungslücke ist das bis in die 1980er Jahre dominierende Narrativ von der Psychologie als „Opfer“ der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik. Tatsächlich erfuhr die Psychologie durch die Vertreibung und Verfolgung jüdischer und politisch missliebiger Fachvertreter schwere Verluste. Sie erfuhr aber auch einen Professionalisierungsschub durch die Einführung der Diplomprüfungsordnung im Jahr 1941 und die Schaffung neuer Stellen für Psychologinnen und Psychologen im Militär, der Industrie und dem Erziehungs- und Fürsorgesystem.
Das Archiv beleuchtet die Zusammenhänge dieser Entwicklungen nach dem "Anschluss" und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs für die Psychologie in Österreich bis zur sogenannten "Entnazifizierung" der Universitäten nach dem Krieg . Als "lebendiges" und wachsendes Archiv sollen in Zukunft laufend Beiträge und Studien zur Thematik ergänzt werden.
Gerhard Benetka schreibt über den Spiegelgrund und die Vertreibung jüdischer Psycholog:innen.
Martin Wieser ist Assistenzprofessor für Theorie & Geschichte der Psychologie an der SFU Berlin. Seit 2020 ist er Projektleiter des Nachfolgeprojekts „Theorie, Praxis und Konsequenzen der "Operativen Psychologie“.
Igor A. Caruso und Edeltrud Baar erstellten Am Spiegelgrund psychologische Gutachten über Kinder, die im Rahmen der so genannten Kindereuthanasie getötet wurden. Dieser Artikel geht der Rolle dieser Gutachten und der Konsequenzennach, welche sie für die betroffenen Kinder hatten.
