Hetzer Buch

Über Hildegard Hetzer

Von der Erziehungsberaterung zur NSV-Gehilfin im besetzen Polen: An der Karriere Hildegard Hetzers lässt sich deutlich ablesen, welche neuen Berufsfelder sich für Psychologinnen und Psychologen durch die NS-Herrschaft eröffneten - sofern sie bereit waren, mit dessen rassenideologischen Grundsätzen konform zu gehen.

VON MARTIN WIESER
 
DER AUTOR
Martin Wieser ist Projektmitarbeiter in dem Forschungsprojekt „Psychologie in der Ostmark“ an der SFU Berlin, seit 2020 ist er Projektleiter des Nachfolgeprojekts „Theorie, Praxis und Konsequenzen der Operativen Psychologie“.
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1899 in Wien geboren, ließ sich Hetzer nach dem Besuch des Gymnasiums zur Fürsorgerin ausbilden und arbeitete danach als Erzieherin in verschiedenen Kindertagesstätten in Wien. Ab 1923 begann sie parallel zu ihrer Tätigkeit in den Kinderheimen ein Psychologiestudium an der Universität Wien. Vor allem die kinder- und jugendpsychologischen Arbeiten Charlotte Bühlers hatten Hetzers Interesse geweckt, von der sie sich Anregungen für ihre berufliche Praxis erhoffte. 1926 wurde Hetzer schließlich Mitarbeiterin von Charlotte Bühler, als deren Assistentin sie in den nächsten fünf Jahren an der städtischen Kinderübernahmestelle an der Schnittstelle zwischen psychologischer Forschung und dem städtischen Fürsorgewesen wirkte. Das über die Grenzen Österreichs hinaus bekannteste Produkt dieser Schaffensphase ist der erstmals 1932 publizierte „Kleinkindertest“ für das erste bis sechste Lebensjahr, welcher in der zeitgenössischen Literatur als „Bühler-Hetzer-Test“ firmierte.
Auf Grundlage langjährigen Untersuchungen an der Beobachtungsstation der Kinderübernahmestelle ermittelten die Mitarbeiterinnen des Kinderpsychologischen Instituts „alterstypische“ Verhaltensweisen, welche im „Kleinkindertest“ als Maßstab für die Bewertung des psychischen Entwicklungsniveaus herangezogen wurde. Der Test ermöglichte die Erstellung eines über mehrere Dimensionen (z.B. Körperbeherrschung, soziale Kontaktfähigkeit, Lernfähigkeit etc.) kategorisierten „Entwicklungsprofils“ der untersuchten Kinder, welches sowohl individuelle Stärken und Schwächen als auch (über mehrere Testungen hinweg) den Entwicklungsverlauf und Prognose über die weitere psychische Entwicklung eröffnen sollte.

„Ab Mitte der 1930 Jahre zeichnete sich in den Arbeiten Hetzers eine Annäherung an das NS-Vokabular ab, welches in Zusammenhang mit den eugenischen bzw. „rassenhygienischen“ Maßnahmen stand.“

Mit ihren Arbeiten am Kinderpsychologischen Institut erlangte Hetzer den Ruf als Expertin auf dem Gebiet der Entwicklungspsychologie und Erziehung. Im Juni 1931 folgte sie einem Ruf an die Pädagogische Akademie in Elbing (heute polnisch Elbląg), wo sie fortan Lehramtsstudierende über die psychologischen Grundlagen ihres Berufes unterrichtete. Doch mit dem Anbruch der nationalsozialistischen Herrschaft wurde Hetzers Karriere vorerst unterbrochen, sie verlor im März 1934 aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ ihre Stelle an der Akademie (die genauen Gründe für ihre Entlassung sind nicht dokumentiert) und übersiedelte nach Berlin. Dort fand sie eine Stelle als psychologische Gutachterin bei dem „Verein zum Schutze der Kinder vor Ausnutzung und Misshandlung“ und arbeitete zugleich in einem Sonderkindergarten für das städtische Jugendamt, um Erziehungsschwierigkeiten bei „psychisch auffälligen“ Kindern zu begutachten.

Ab Mitte der 1930er Jahre wurden in Hetzers Publikationen zunehmend Fragen der „Veranlagung“, der „Erziehbarkeit“ und der „Gemeinschaftsfähigkeit“ der von ihr in den Sonderkindergärten untersuchten Minderjährigen sichtbar. Während ihrer Schaffenszeit in Wien hatte sie sich noch den „milieubedingten“ Faktoren der psychischen Entwicklung zu gewidmet. Doch nun zeichnete sich in den Arbeiten Hetzers ab eine Annäherung an das NS-Vokabular ab, welches in Zusammenhang mit den eugenischen bzw. „rassenhygienischen“ Maßnahmen stand. 1936 bescheinigte die Medizinerin Elisabeth Vowinckel in ihrer Dissertation dem Bühler-Hetzer-Test eine Eignung zur Ermittlung von „kindlichen Schwachsinnzuständen“. Seit dem Erlass des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom Juli 1933 konnte die Diagnose des „angeborenen Schwachsinns“ die Zwangssterilisation für die Betroffenen zur Folge haben, was in geschätzt 400.00 Fällen auch durchgeführt wurde.

Die unter dem Banner der „Rassenhygiene“ angeordneten Maßnahmen steigerten sich ab 1940 zur systematischen Ermordung mehrerer hunderttausend körperlich und/oder geistig beeinträchtigter Patientinnen und Patienten, die in Psychiatrien oder Heimen (wie beispielsweise der Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ am westlichen Rand Wiens) untergebracht wurden. Nach Vowinckel eigne sich der Bühler-Hetzer-Test hervorragend zur Unterscheidung gesunder Kindern von „kindlichen Debilen“ und „physiologisch Dummen“. Auch könne der „Zeitpunkt der Unfruchtbarmachung“ durch die Anwendung des Tests deutlich vorverlegt werden, so die Autorin. Nach einer mündlichen Auskunft Hetzers sei ein „sicheres Urteil“ über das geistige Entwicklungsniveau und die Prognose der psychischen Entwicklung des Kindes bereits ab dem dritten Lebensjahr möglich.

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Hildegard Hetzer
ca. 1932
Hildegard Hetzers Gutachten vom April 1942 über ein siebenjähriges Mädchen,
welches als "schmutzig, undisziplniert" und mit "hemmungsloser Triebhaftigkeit" beschrieben wird.
Quelle: Hopfer, Geraubte Identität, S. 210
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Ende des Jahres 1939 begann ein neues Kapitel Hetzers in beruflicher Laufbahn. Der Verein, in dem sie seit Mitte der 1930er Jahre tätig war, wurde durch die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) übernommen, der größten Fürsorgeorganisation des NS-Reiches, deren Leistungen jedoch nur für „erbwerte“ Personen verfügbar sein sollte. Hetzer wirke nun beim Aufbau von Erziehungsberatungsstellen der NSV eingesetzt und leitete die Hauptstelle für Wohlfahrtspflege und Jugendhilfe in Berlin. Die Kategorien der „Gemeinschaftsfähigkeit“, der „Aufwandwürdigkeit“ und „Einordnungsfähigkeit“ dominierten nunmehr ihre kinderpsychologische Begutachtungstätigkeit.

Nach dem Angriff auf Polen wurde Hetzer im Laufe des Jahres 1940 mehrmals dorthin verschickt, um psychologische Untersuchungen für die NSV durchzuführen. Im März 1942 wurde sie schließlich dauerhaft in den im westlichen Teil des Landes gelegenen „Warthegau“ nach Posen entsandt. Neben ihrer Tätigkeit als Leiterin von Kinderheimen und Erziehungsberatungsstellen war Hetzer im Zuge hier auch an von der SS geleiteten Maßnahmen zur sogenannten „Germanisierung“ von polnischen Kindern beteiligt. Im Gaukinderheim „Bruckau“, an dem Hetzer zehn Wochen lang im Jahr 1942 tätig war, wurden Kinder aus  Waisen- und Erziehungsheimen unter Federführung der SS „erbbiologisch“ und psychologisch begutachtet, um festzustellen, inwiefern sich die Kinder aufgrund ihrer „rassischen“ Merkmale für Maßnahmen der „Eindeutschung“ eignen würden. Im Falle einer positiven Begutachtung sollten die Kinder in Heime im „Altreich“ verbracht und dort von deutschen Eltern adoptiert werden, bei negativem Ausgang drohte die Überstellung in Kinder- oder Jugendheime oder auch die Überstellung in das dem Konzentrationslager angeschlossene Jugendverwahrlager in Litzmannstadt (heute Łódź).

Die Terminologie der von Hetzer angefertigten Gutachten sprechen fast durchgängig um Fragen der Ein- und Unterordnung, der Folgsamkeit und erzieherischen Beeinflussbarkeit der Kinder. Selbst intellektuelle und soziale Fähigkeiten scheinen in den Gutachten einen geringeren Stellenwert einzunehmen als die Frage der „charakterlichen Veranlagung“ zur „Gemeinschaftsfähigkeit“. Trotz der Tatsache, dass die Heimkinder in vielen Fällen in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen waren und sich zudem einer feindlichen Besatzungsmacht gegenüber sahen, sah Hetzer in vielen Gutachten „erbbedingte Mängel“. Im Mai 1942 wurde Hetzer wieder nach Posen versetzt, wo sie bis Ende des Jahres 1944 wieder bei der Leitung und am Aufbau von Erziehungsberatungsstellen eingesetzt wurde. In den letzten Kriegsmonaten verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand und sie begab sich in ein Sanatorium im Harz, wo sie das Kriegsende überdauerte.

„Hetzer verteidigte sich, sie habe die Kinder vor der Verschleppung in das Konzentrationslager schützen wollen, weshalb sie regelmäßig in Konfrontation mit der SS geraten und schließlich auch erkrankt sei.“

Im Juli 1946 wandte sich Hetzer an den Leiter des Psychologischen Instituts der Universität Wien Hubert Rohracher und gab ihrer Hoffnung Ausdruck, an ihre Alma Mater zurückkehren zu können. Rohrachers Antwort fiel abschlägig aus: An der Universität sei gegenwärtig und auch in absehbarer keine Stelle für Hetzer in Aussicht – Hetzers einstige Verbindungen zur NSV und der SS waren vermutlich schon nach Wien vorgedrungen. Eine Bewerbung an der Verwaltung für Volksbildung in der Sowjetischen Besatzungszone schlug ebenfalls fehl.

Doch noch im selben Jahr eröffnete sich für Hetzer eine Gelegenheit zur Fortsetzung ihrer akademischen Laufbahn, als ihr eine Dozentinnenstelle zur Lehrerausbildung im Pädagogischen Institut im hessischen Weilburg an der Lahn angeboten wurde. Kurz darauf wurde sie auch als psychologische Gutachterin im nahe gelegenen Limburg tätig. In Weilburg konnte Hetzer, ab 1950 als außerplanmäßige Professorin und ab 1959 als ordentliche Professorin, ihre akademische Laufbahn und ihre praktisches Wirken fortsetzen. Thematisch knüpfte sie nahtlos an ihre früheren Arbeiten an (z. B. in dem Band „Seelische Hygiene, lebenstüchtige Kinder“ aus dem Jahr 1964) und publizierte zahlreiche Schriften über die psychische Entwicklung des Kindes und Entwicklungstestverfahren, über Fragen der Kindeserziehung und Erziehungsfehler anknüpfen an und wurde zu einer prägenden Gestalt der Pädagogischen Psychologie der Nachkriegszeit in Westdeutschland.

Hetzer Buch
Thematisch knüpfte Hetzer auch in der Nachkriegszeit an ihre früheren Arbeiten an (z. B. in dem Band „Seelische Hygiene, lebenstüchtige Kinder“ aus dem Jahr 1964) und wurde zu einer prägenden Gestalt der Pädagogischen Psychologie der Nachkriegszeit in Westdeutschland.

Hetzers Entnazifizierungsverfahren verlief schnell und weitgehend reibungslos, 1948 wurde ihr trotz der Mitgliedschaft beim NSV und der NS-Frauenschaft bescheinigt, politisch „nicht belastet“ zu sein. Währenddessen wurde Hetzer in Polen seit 1947 aufgrund ihrer Beteiligung an den „Germanisierungsaktionen“ per Haftbefehl gesucht und ihre Auslieferung nach Polen beantragt. Auch in Westdeutschland wurde 1949 ein Ermittlungsverfahren über Hetzers Tätigkeit während des Krieges in die Wege geleitet, in dessen Rahmen sie auch zu ihrer Tätigkeit in Bruckau Stellung nehmen musste. Hetzer verteidigte sich um zum einen dahingehend, dass sie von der polnischen Herkunft der von ihr untersuchten Kindern nichts  gewusst habe (trotz der Tatsache, dass viele Kinder polnische Namen trugen und kein Deutsch sprachen). Auch habe sie die Kinder vor der Verschleppung in das Konzentrationslager schützen wollen, weshalb sie regelmäßig in Konfrontation mit der SS geraten und schließlich auch erkrankt sei.

Ab 1961 wurde das Pädagogische Institut Weilburg in die Universität Gießen integriert. Hetzer wurde zur ordentlichen Professorin in Pädagogischer Psychologie berufen, eine Stellung, die sie bis zu ihrer Emeritierung im Jahr 1967 innehatte. In ihrer letzten Karrierephase wurde Hetzer vielfach geehrt (unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse und einem Ehrendoktorat der Universität Marburg), sie amtierte als Präsidentin der Hochschule für Erziehung und blieb bis kurz vor ihrem Tod im August 1991 weiterhin in der universitären Lehre tätig. Eine systematische und  kritische Aufarbeitung ihrer Tätigkeit im besetzen Polen setzte erst nach ihrem Tod ein – zu diesem Zeitpunkt war es für die von ihr begutachteten polnischer Kinder schon lange zu spät.

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