
Nach dem Ersten Weltkrieg bildeten sich im deutschsprachigen Raum zwei konkurrierende Strömungen innerhalb der Psychologie heraus, deren Grundkonzepte, Methoden und Ziele kaum unterschiedlicher sein konnten, auch wenn sie sich auf denselben Gegenstand bezogen: die Beschreibung und Analyse der menschlichen Persönlichkeit.
Die „Psychotechnik“ hatte ihren Ursprung im experimentalpsychologischen Labor und zielte primär auf die Vermessung der psychischen Leistungsfähigkeit der Person ab. Reaktions- und Merkfähigkeit, Sinnesschärfe, räumliches Vorstellungsvermögen, manuelle Geschicklichkeit und andere psychische Leistungs-dimensionen bildeten ihre traditionellen Kernbereiche. Während des 1. Weltkriegs wurden psychotechnische Verfahren in der deutschen und österreichischen Armee erstmals zur Selektion von Kraftfahrern, Piloten oder Artilleristen eingesetzt. Nach Kriegsende verbreitete sich die Psychotechnik in Deutschland und Österreich neben dem Militär vor allem in der Industrie und im Handel, in staatlichen Großbetrieben, der Reichsbahn, Reichspost und in städtischen Verkehrsbetrieben. Ihr Haupt-einsatzgebiet war die Auswahl von geeigneten Bewerbern und Ausbildungskandidaten in den verschiedenen Berufszweigen. Im Laufe der 1920er Jahre wurde sie als Praxis der Vermessung der psychischen Leistungsfähigkeit zum ersten bedeutenden Berufsfeld der Psychologie.
Neben der Psychotechnik verbreitete sich ein zweites System zur Analyse und Beschreibung der Persönlichkeit ab Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Die Wurzeln dieses Wissensfelds waren vielfältig– unter anderem spielte die Lehre der Physiognomik von Johann Caspar Lavater und die Lebensphilosophie des ausgehenden 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle. Gemeinsam hatten die meisten ihrer Vertreter, dass sie in der Vermessung isolierter psychischer Funktionen als Grundlage der Beschreibung der Persönlichkeit einen unzulässigen Reduktionismus sahen. Ihrer Ansicht nach sollten die verschiedenen Anteile der Persönlichkeit, seien es intellektuelle Fähigkeiten das Gefühlslebens oder der Willen, als zusammengehörige und miteinander in Verbindung stehenden Aspekte der Persönlichkeit betrachtet werden, deren innerer Zusammenhang, ihr individuelles Verhältnis und ihre wechselseitige Dynamik es zu verstehen gelte. Bekannt wurde dieser, häufig mit dem Begriff der „Ganzheit“ operierende Zugang unter dem Begriff „Charakterologie“ oder „Charakterkunde“. In den Hauptwerken des deutsch-schweizer Philosophen und Psychologen Ludwig Klages „Prinzipien der Charakterologie“ von 1910 sowie „Handschrift und Charakter“ von 1917 wurde eine umfassende Lehre der Persönlichkeit entworfen, die auf eine Interpretation ihres Ausdrucks ausgerichtet war. Die Handschrift war für Klages das Paradeexemplar für die Fruchtbarkeit einer deutenden Persönlichkeitslehre, die in der beobachtbaren Bewegung des Körpers und seinen Materialisationen die Grundlage zur Beschreibung der Persönlichkeit heranzieht. Stärke, Druck und Neigung der Handschrift, die individuelle Form, Größe und Richtung des Schriftzugs seien nach Klages als Ausdruck der gesamten Persönlichkeit zu verstehen, in der sich sowohl Verstand als auch Gefühl, Trieb und Wille veräußern. In ihr erkannte er einen Schlüssel zur Entzifferung jener willens- und gefühlsmäßigen Persönlichkeitsanteile, vor denen die Psychotechnik aufgrund der Schwierigkeit eines messenden Zugangs nur begrenzten Zugang hatte.
Während sich die Graphologie als eigenständiges Wissens- und Praxisfeld auch unter Laien bald großer Popularität erfreute, wurde sie in der deutschen akademischen Psychologie in ein umfassenderes System der Ausdruckspsychologie eingebettet. Als theoretisches Fundament diente hierbei die Schichtentheorie, welche durch die Arbeiten von Erich Rothacker (Die Schichten der Persönlichkeit von 1938) und Philipp Lersch (Der Aufbau des Charakters, ebenfalls 1938 publiziert) auf das Feld der Persönlichkeitspsychologie angewandt wurde. Sowohl Rothacker als auch Lersch zeichneten das Bild einer sich harmonisch und gesetzmäßig, in Schichten entfaltenden Struktur der Persönlichkeit. Auch wenn die Anzahl der postulierten „Schichten“ zwischen den Autoren variierte, folgten alle psychologischen Schichtentheorien demselben Schema: Die am Beginn des Lebens dominierenden, ältesten, primitivsten und „niedrigsten“ Schichten werden der Steuerung von körpernahen Funktionen, Reflexen, Instinkten, Trieben und dem Gefühlsleben zugeordnet.
Auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen formen sich die Schichten des Willens, des Intellekts, des Verstandes und der Vernunft darüber heraus. Die „höheren“ Schichten treten nicht an die Stelle der „niedrigeren“, sondern bauen auf diesen auf. Sie bleiben in Abhängigkeit von den darunter liegenden und setzen deren Funktionsfähigkeit voraus. Trotz ihrer Abhängigkeit seien die höheren Schichten des Willens, Intellekts und Verstands beim erwachsenen Menschen dazu in der Lage, Triebe und Gefühle zu steuern und zu kontrollieren. Aus Sicht der psychologischen Schichtenlehre war die ausgereifte Persönlichkeit das Produkt eines gesetzmäßig ablaufenden, organischen Entwicklungsprozesses, in dem sich zugleich die evolutionäre Gattungsgeschichte – vom reflexgesteuerten Organismus hin zum vernunftfähigen Menschen – widerspiegelte.


Während die Schichtentheorie ein verbindendes theoretisches Fundament der deutschen Charakterologie bildete, bildete die Ausdruckspsychologie die dazugehörige Methodik für ihre praktische Anwendung im Rahmen der Persönlichkeitsdiagnostik. Neben Klages‘ Schriften war das 1932 von Philip Lersch veröffentlichte Werk Gesicht und Seele besonders einflussreich für die psychologische Praxis, zudem erschienen im Laufe der 1930er Jahre in Periodika wie der Zeitschrift für angewandte Psychologie und Charakterkunde, dem Soldatentum oder den Wehrpsychologischen Mitteilungen regelmäßig Untersuchungen zur Untersuchung des „Ausdrucks“ der Persönlichkeit in der Mimik und Gestik, der Stimme, Handschrift, Körperhaltung, oder in künstlich geschaffenen Konflikt- und Belastungssituationen. Eine grundlegende Vorannahme dieses diagnostischen Systems bestand darin, dass in jeder menschlichen Handlung stets alle Schichten der Persönlichkeit involviert seien, wenn auch nicht zu gleichen Anteilen. Das individuelle Verhältnis der Schichten in der beobachteten Person (also ob beispielsweise der gefühlsmäßige Anteil gegenüber den rationalen Persönlichkeitsanteilen dominiere) manifestiere sich in der konkreten Handlung und offenbare sich dem geübten Beobachter. Methodisch wurde von einem objektivierenden, messenden Zugang der Experimentalpsychologie Abstand genommen, an deren Stelle die geschulte Beobachtung und die Fähigkeit zur intuitiven Einfühlung in zu beschreibende Person gesetzt wurden.
Nicht zufällig wurde Philipp Lersch, der von 1925 bis 1933 als Psychologe in der Reichswehr tätig war, während der NS-Zeit zu einer der führenden Persönlichkeiten in der deutschen Psychologie. Im Zuge der Wiederaufrüstung der Wehrmacht wuchs ab Mitte der 1930er Jahre der Bedarf an Verfahren zur Eignungsbeurteilung von Bewerbern für die Offizierslaufbahn. 1939 wurde Lersch auf den prestige-trächtigen Lehrstuhl des Leipziger Instituts für Psychologie berufen. Zugleich wurde mit Kriegsbeginn die Wehrmacht zum größten Arbeitgeber für Psychologen, 1941 wurde schließlich im Rahmen des neu eingeführten Diplomstudiengangs für Psychologie eine Vereinheitlichung der Ausbildung anvisiert, die eine schnellere Vermittelbarkeit für Psychologen in der Wehrmacht und Industrie ermöglichen sollte. Mit der neuen Diplomprüfungsordnung wurden „Charakterkunde und Erbpsychologie“ sowie „Psychodiagnostik“ erstmals zu Pflichtfächern an den Hochschulen. Sowohl auf der Ebene der psychologischen Praxis als auch an den Psychologischen Instituten wurden die Ausdrucks-psychologie und Charakterologie so während des Krieges zu führenden Zweigen des Faches.
Während sich die Charakterologie und Ausdrucks-psychologie in Deutschland zunehmender Popularität erfreuten, waren sie bis 1938 in Österreich kaum verbreitet. Wohl hatte Karl Bühler 1933 eine theoretische Abhandlung zur Ausdruckstheorie veröffentlicht, sein Mitarbeiter Norbert Thumb promovierte im Jahr darauf mit einer Studie zu Wahrnehmung und Ausdruck im Lichte des Zuordnungsexperimentes von Körperbau und Stimme an der Universität Wien.
Die 1934 erstmals veröffentlichte Kleine Charakterkunde von Hubert Rohracher, zum damaligen Zeitpunkt Assistent des Psychologischen Instituts Innsbruck, erfreute sich über drei Jahrzehnte hinweg zahlreicher erweiterter Neuauflagen. Insgesamt dominierte an den Österreichischen Universitäten gegenüber den in Deutschland populär gewordenen geisteswissen-schaftlichen, typologischen und ganzheitspsychologischen Ansätzen in der Persönlichkeitspsychologie aber die Skepsis. Auch führende Praktiker wie Karl Hackl, Gründer des Psychotechnischen Instituts in Wien, grenzten sich dezidiert von den „rein spekulativ durchgeführten Charakter-Untersuchungen“ ab. Sie orientierten sich an den Methoden der Psychotechnik und des Intelligenztests, die sich seit der Jahrhundertwende in Frankreich durch die Arbeiten von Alfred Binet und bald darauf in den USA rasch verbreiteten. Zudem war die österreichische Heerespsychologie im Vergleich zu Deutschland praktisch unbedeutend, erst 1936 wurde eine Planstelle für einen Heerespsychologen im österreichischen Bundesheer eingerichtet.

Da die neu einzurichtenden Prüfstellen der Wehrmacht auf österreichischem Gebiet mangels geschulter Psychologen nicht lokal besetzt werden konnten, wurden Psychologen aus dem „Altreich“ in die „Ostmark“ delegiert. Manche österreichischen Psychologen passten sich an, wie Norbert Thumb und Peter Hofstätter, welche charakterologische und ausdruckspsychologische Grundlagen an der Universität Wien lehrten, in der Wehrmacht praktizierten oder zu eigene Untersuchungen zu ausdruckspsychologischen Methoden publizierten. Während seiner Zeit als Wehrmachtpsychologie entwickelte Hofstätter ein Verfahren zur Interpretation der „Dunkelschrift“ – dem Schriftzug, welcher durch das Schreiben in einem abgedunkelten Raum entsteht. Insgesamt blieb der Zeitraum zwischen dem „Anschluss“ und der Auflösung der Wehrmachtpsychologie im Juli 1942 aber zu kurz, um die Charakterologie dauerhaft an den österreichischen Universitäten zu etablieren.
Nach Kriegsende verschwanden die Charakterologie und Ausdruckspsychologie in der österreichischen Universitäten schnell wieder von der Bildfläche, in Westdeutschland blieben sie jedoch noch bis Ende der 1950er Jahre erhalten (in Ostdeutschland waren sie als Element einer bürgerlich-reaktionären Weltanschauung hingegen verfemt). Philipp Lersch blieb bis zu seiner Emeritierung 1966 Professor in München, sein charakterologisches Hauptwerk wurde ab 1951 als Aufbau der Person mehrmals neu aufgelegt, 1955 wurde er zum Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Psychologie ernannt. Das Fortbestehen der Ganzheitspsychologie, Charakterologie und Ausdruckspsychologie hing eng mit einer ausgeprägten personellen Kontinuität vor und nach 1945 innerhalb der akademischen Psychologie in Westdeutschland zusammen.
Erst ein Generationenwechsel, der steigende Einfluss der US-Amerikanischen Psychologie und die wachsende Bedeutung statistischer Methoden in der Persönlichkeitspsychologie setzten der Ära der Charakterologie ein Ende. Von ihren letzten Vertretern wie Albert Wellek konnte der Untergang der Charakterologie nur mehr mit Bedauern festgestellt werden. In der Auseinandersetzung mit den aus Welleks Sicht „materialistisch-mechanistischen“ Methoden zog die Charakterologie schließlich den Kürzeren: Ende der 1960er Jahre war sie aus den Psychologischen Instituten und Lehrplänen weitgehend verschwunden, der Traum von einer ganzheitlichen Deutung der Persönlichkeit auf Grundlage ihres Ausdrucks aus der akademischen Psychologie verbannt.
Bühler, K. (1933). Ausdruckstheorie. Das System an der Geschichte aufgezeigt. Jena: Fischer.
Hofstätter, P. (1940). Die diagnostische Bedeutung der Dunkelschrift. Wehrpsychologische Mitteilungen, 2(2), Ergänzungsheft 3, 1-30.
Klages, L. (1910). Prinzipien der Charakterologie. Leipzig: Barth.
Klages, L. (1917). Handschrift und Charakter. Gemeinverständlicher Abriß der graphologischen Technik. Leipzig: Barth.
Lersch, P. (1932). Gesicht und Seele. Grundlinien einer mimischen Diagnostik. München: Reinhardt.
Lersch, P. (1938). Der Aufbau des Charakters. Leipzig: Barth.
Metraux, A. (1985). Der Methodenstreit und die Amerikanisierung der Psychologie in der Bundesrepublik 1950-1970. In M. Ash & U. Geuter (Hrsg.),Geschichte der deutschen Psychologie im 20. Jahrhundert (S. 225-251). Opladen: Westdeutscher Verlag.
Rohracher, H. (1934). Kleine Einführung in die Charakterkunde. Leipzig: Teubner.
Schlicht, L. (2020). Graphology in Germany in the 1920s and 1930s. N.T.M., 28(2), 149–179.
Wieser, M. (2018). Buried Layers: On the Origins, Rise, and Fall of Stratification Theories. History of Psychology, 21(1), 1-32.
Wieser, M. (2019). Norbert Thumb und der Aufstieg der angewandten Psychologie in der „Ostmark“. Psychologie in Österreich, 39(1-2), 106-115.
Aus „Psychologie“ und „Technik“ sollten „praktischen Hilfsmittel“ für „wertvolle Zwecke“ hervorgehen, jenseits der reinen Forschung praktisch nutzbar machen sollten.
