Karl &

Charlotte Bühler

Von der Denkpsychologie über die Entwicklungsdiagnostik bis zur Psychologie der Sprache: Das Vermächtnis von Charlotte und Karl Bühler ging weit über ihre Wirkungsstätte in Wien hinaus. Durch den Anbruch der NS-Herrschaft in Österreich wurde ihrem Wirken jedoch ein abruptes Ende gesetzt.

VON MARTIN WIESER
DER AUTOR
Martin Wieser ist Projektmitarbeiter in dem Forschungsprojekt „Psychologie in der Ostmark“ an der SFU Berlin, seit 2020 ist er Projektleiter des Nachfolgeprojekts „Theorie, Praxis und Konsequenzen der Operativen Psychologie“.
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Als er 1922 auf den Lehrstuhl des neu eingerichteten Psychologischen Instituts der Universität Wien berufen wurde, konnte der 1879 in Baden-Württemberg geborene Karl Bühler bereits auf eine vielseitige wissenschaftliche Laufbahn zurückblicken. Auf das Abitur folgte zuerst ein Medizinstudium in Freiburg und darauf das Studium der Philosophie in Straßburg. Unter Oswald Külpe wurde Bühler an der Universität Würzburg 1907 habilitiert mit einer Arbeit über die Psychologie des Denkens habilitiert.  Mit dieser Arbeit reihte sich Bühler nicht nur in die „Würzburger Schule“ der Denkpsychologie ein, sondern geriet auch in eine heftige Kontroverse mit dem Gründer des Leipziger Psychologischen Instituts Wilhelm Wundt, welcher eine experimentelle Untersuchung „höherer“ geistiger Funktionen aus methodischen Gründen grundsätzlich ablehnte.
Über die Stationen Würzburg, Bonn, München und Dresden, unterbrochen durch den Kriegseinsatz als Arzt während des Ersten Weltkriegs, wurde Karl Bühler 1922 zum ordentlichen Professor für Philosophie „mit besonderer Berücksichtigung der Psychologie und Pädagogik“ sowie zum Leiter des Psychologischen Instituts der Universität Wien berufen. Charlotte Bühler, die er 1916 geheiratet hatte, hatte sich ebenfalls 1920 an der TU Dresden habilitiert und ging mit Karl Bühler nach Wien.

Karl Bühler
circa 1930

Benetka,
Psychologie in Wien, 1995 
Karl_Buehler
Charlotte_Buehler
Charlotte Bühler zu
ihrer Zeit in Wien
circa 1929

Benetka,
Psychologie in Wien, 1995 

Vor seiner Ankunft in Wien hatte sich Karl Bühler in Würzburg nicht nur mit der experimentellen Analyse von Denkvorgängen beschäftigt, sondern auch mit Fragen der Gestaltwahrnehmung und der geistigen Entwicklung des Kindes. Vor allem das letztgenannte Arbeitsfeld scheint eine wichtige Rolle bei der Berufung Bühlers nach Wien gespielt zu haben, da das Institut und Bühlers Lehrstuhl auf die Initiative der Stadt Wien gegründet und durch deren Mittel finanziert wurden. Die sozialdemokratische Stadtregierung im „roten“ Wien erhoffte sich durch die Psychologie und Pädagogik wertvolle Impulse zur Reformierung des Schulsystems, die unter der Federführung des Präsidenten des Wiener Stadtschulrates Otto Glöckel vorangetrieben wurde.

Die Zeit von 1922 bis Mitte der 1930er lässt sich als erste Blütezeit der akademischen Psychologie in Wien bezeichnen. In dieser Zeit wuchs das Institut nicht personell, sondern wurde zu einer weltweit bekannten Lehr- und Forschungseinrichtung. Karl Bühlers Vorlesungen im Audimax der Universität wurden zu einem stadtbekannten gesellschaftlichen Ereignis und  viele erfolgreiche Karrieren (u.a. die von Konrad Lorenz und Karl Popper) nahmen hier ihren Ausgang. Während sich Karl Bühler in Wien vermehrt wissenschaftstheoretischen und sprachphilosophischen Problemen zuwandte, stellte Charlotte Bühler ab 1926 im Rahmen ihrer breit angelegten kinderpsychologischen Untersuchungen an der Kinderübernahmestelle der Stadt Wien eine Verbindung von Wissenschaft und Politik im Rahmen der sozialdemokratischen Gesundheits- und Fürsorgepolitik her. Aus dieser Kooperation, die auch durch Gelder der Rockefeller-Stiftung finanziert wurde, gingen nicht nur zahlreiche Studien zur Entwicklung des kindlichen Verhaltens und Denkens hervor, sondern auch der sogenannte „Bühler-Hetzer-Test“, einem weit über die Grenzen Österreichs hinaus verbreiteten Test zur Diagnostik der geistigen Entwicklung von Kleinkindern und Jugendlichen.

Über die Kinder- und Jugendpsychologie hinaus gingen aus dem Umfeld des Psychologischen Instituts während Zwischenkriegszeit eine Reihe innovativer Arbeiten hervor, die sich neben klassischen Experimentalpsychologischen Studien im Feld der Wahrnehmungs- und  Ausdruckspsychologie (z. B. durch die Arbeiten der Assistenten Egon Brunswik und Norbert Thumb) und der Wirtschafts- und Sozialpsychologie (allen voran die bahnbrechenden Arbeiten von Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und anderen Mitarbeitern der „Wirtschaftspsychologischen Prüfstelle“) erstreckten. 

„Im Laufe der 1920er Jahre wurde das Psychologische Institut unter der Leitung von Karl und Charlotte Bühlers zu einer bedeutenden wissenschaftlichen Institution der Ersten Republik.“

Im Laufe der 1920er Jahre wurde das Psychologische Institut unter der Leitung von Karl und Charlotte Bühlers zu einer bedeutenden wissenschaftlichen Institution der Ersten Republik. Im intellektuellen Milieu des „roten Wiens“ der Zwischenkriegszeit wurde eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten zu akademischen und außeruniversitären Kreisen hergestellt, wie beispielsweise dem „Wiener Kreis“ rund um Moritz Schlick, Otto Neurath und anderer namhafter Philosophen und Naturwissenschaftlern, die um die Grundlegung einer „wissenschaftlichen Weltanschauung“ in Abgrenzung von Metaphysik und Religion debattierten. Auch Kooperationen mit außeruniversitären Einrichtungen, wie beispielsweise dem von Karl Hackl geleiteten „Psychotechnischen Institut“ in Wien wurden etabliert – hier konnten Absolventinnen des Psychologischen Instituts erstmals berufspraktische Einsatzfelder, besonders auf dem Gebiet der Berufsberatung und Leistungsdiagnostik für sich entdecken. Zudem bestanden auch inoffizielle Kontakte zu Psychoanalytischen Kreisen, deren Lehre von Karl Bühler zwar scharf kritisiert wurde, doch vom wissenschaftlichen Nachwuchs (z. B.  durch Else Frenkel-Brunswik) insgeheim mit großem Interesse verfolgt wurde. 

wiener_kreis_manifest
Das Manifest des
Wiener Kreises
1929

Universität Wien,
Institut Wiener Kreis 

Mit dem Aufstieg des Austrofaschismus war das Ende dieser ersten Blütezeit der Psychologie in Wien eingeläutet. Einige Mitarbeiter des Instituts, unter anderem Egon Brunswik, Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld hatten Wien schon im Laufe der 1930er Jahre gen USA verlassen. Die Finanzierung durch das Rockefeller-Institut versiegte Ende des Jahres 1936, auch wurde die Verbindung des Psychologischen Instituts zum Stadtschulrat unter der Herrschaftszeit des Ständestaats gekappt und das Institut an die Liebiggasse 5 im ersten Bezirk verlegt, wo es bis heute seinen Sitz hat. Karl und Charlotte Bühler vermochten auch unter den neuen Machthabern ihre Position zu halten, jedoch währte dieser Zustand nur kurze Zeit. Nur wenige Wochen nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich wurde Karl Bühler verhaftet – aufgrund seiner Ehe mit Charlotte galt als „jüdisch versippt“ – und das Institut von der Gestapo geschlossen. Charlotte, die sich zu diesem Zeitpunkt in Norwegen befand, erwirkte durch diplomatische Intervention die Freilassung ihres Mannes. In den USA setzten beide schließlich ihr Wirken fort, doch der Lehrstuhl und das Institut in Wien waren für die beiden für immer verloren gegangen.

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Charlotte Bühler in den Vereinigten Staaten
1972

Die Lücke, die durch die Vertreibung von Charlotte und Karl Bühler entstanden war, sollten jene Dagebliebenen schließen, die sich mit den neuen politischen Verhältnissen identifizierten, oder sich zumindest mit ihnen zu arrangieren vermochten. Dass es trotzdem noch fünf Jahre, bis zur Berufung Hubert Rohrachers im Frühjahr 1943, dauern sollte, bis ein Nachfolger für Karl Bühler gefunden wurde, zeugt nicht nur von der Planlosigkeit und dem Zick-Zack-Kurs der NS-Wissenschaftspolitik, sondern auch von der immensen Aufbauleistung von Charlotte und Karl Bühler.

Nach Kriegsende nahm Hubert Rohracher, der seine Stelle als Ordinarius am Wiener Psychologischen Institut behielt, Kontakt mit Karl Bühler auf. Dieser hatte inzwischen in Los Angeles an der University of California eine Anstellung gefunden. Das Angebot zur Rückkehr nach Wien schlug Karl Bühler aus, er blieb bis zu seinem Tod 1963 in den USA. Seine weiteren Forschungsarbeiten im Feld der theoretischen Psychologie und Sprachphilosophie fanden jedoch zu Lebzeiten vergleichsweise wenig Resonanz. Charlotte Bühler gelang hingegen eine zweite erfolgreiche Karriere in den USA im Feld der Humanistischen Psychologie. Erst kurz vor ihrem Tod kehrte sie wieder nach Deutschland zurück, wo sie im Alter von 80 Jahren verstarb.

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