Keine deutsche Universität blieb von der ersten Welle der politischen und rassistischen Verfolgung, die Anfang des Jahres 1933 ihren Ausgang nahm, verschont. Doch nicht alle Disziplinen und Professionen waren im gleichen Ausmaß von dem berüchtigten „Arierpagraph“, dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ auf dessen Grundlage „nichtarische“ Beamte aus dem Staatsdienst entlassen werden konnten, und allen nachfolgenden Maßnahmen zur gewaltsamen „Gleichschaltung“ des Staatsapparates betroffen: während die akademische Psychologie in Deutschland und Österreich etwa ein Drittel ihrer ordentlichen und außerordentlichen Professoren im Zuge der gewaltsamen Umbrüche 1933 bzw. 1938 verlor, waren die Verluste im Feld der Psychoanalyse in Relation doppelt so hoch: Von 56 Mitgliedern der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) im Jahr 1932 waren drei Jahre später nur mehr 16 übrig. Schon in den ersten Monaten der NS-Herrschaft kam es zu dem infolge zu einer wachsenden Migrationsbewegung innerhalb der psychoanalytischen Gemeinschaft. Der Großteil ihrer Mitglieder emigrierte in die USA, wie beispielsweise Erich Fromm, Otto Rank und Otto Fenichel, oder wie Anna und Sigmund Freud nach England, wo der greise und schwerkranke Gründer der psychoanalytischen Bewegung schwerkrank seine letzten Lebensmonate verbrachte.
Max Eitingon, der Leiter des ältesten und weltweit für sein innovatives Ausbildungs- und Behandlungskonzept bekannten Berliner Psychoanalytischen Instituts, wanderte 1933 nach Palästina aus und kündigte aus Protest seine Mitgliedschaft in der DPG, die gegen seinen Wunsch in Deutschland weiter am Leben erhalten werden sollte. Die wenigen in Deutschland verbliebenen jüdischen Mitglieder der DPG sahen sich sowohl privat als auch beruflich mit einem wachsenden Ausmaß an Repressionen und beruflichen Einschränkungen, die bis zum Verlust ihrer ärztlichen Zulassung reichen konnten, konfrontiert. Eine Gruppe von Psychoanalytikern um Carl Müller-Braunschweig, Harald Schultz-Hencke, Felix Boehm und Werner Kemper hatten sich (mit der Unterstützung Sigmund Freuds) indessen dazu entschlossen, die Psychoanalyse trotz aller Repressionen und öffentlichen Verfemungen so lange als möglich im NS-Staat am Leben zu erhalten.
Drei Jahre lang konnte die DPG unter NS-Herrschaft offiziell weiter bestehen. 1936 wurde sie schließlich einer anderen Organisation einverleibt, deren Vorsitzender durch seine familiäre Beziehung in die oberste Führungsriege des NS-Staates als unantastbar galt: Matthias Heinrich Göring, Psychiater und Cousin des „Reichsfeldmarschalls“ Herrmann Göring, leitete ab dem Juni 1936 das neu gegründete „Deutsche Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie“. Diese auch als „Göring-Institut“ bekannte Einrichtung übernahm die Räume, die Poliklinik und die Bibliothek der DPG, wo fortan die drei damals wichtigsten psychotherapeutischen Schulen – die Freudsche Psychoanalyse, die Adlerianische Individualpsychologie und die Analytische Psychologie C. G. Jungs – unter einem Dach vereint und fortan in Gestalt der „Deutschen Seelenheilkunde“ weiter gelehrt und praktiziert werden sollte. Als „arische“ Psychotherapie sollte diese in Theorie und Praxis mit der Ideologie des NS-Staates konform gehen und die Arbeits-, Kampf- und Eingliederungsfähigkeit der Patienten in die „Volksgemeinschaft“ als oberstes Ziel verfolgen. Der Zugang zur therapeutischen Behandlung sollte dementsprechend den „Volksgenossen“ vorbehalten bleiben. Offiziell war die Psychoanalyse geächtet, die Namen Freuds und Adlers aus den Publikationen des offiziellen Organs des Göring-Instituts, dem Zentralblatt für Psychotherapie verbannt.

In den ersten Jahren wurde das Göring-Institut finanziell nur durch seine Mitglieder getragen. Die anhaltenden Bemühungen des Leiters um finanzielle Unterstützung trugen schließlich im September 1939, im ersten Monat des Krieges, Früchte. Es gelang Göring, mit der Deutschen Arbeitsfront und dem Reichsluftfahrtministerium mächtige und finanzkräftige Förderer für sein Institut zu gewinnen. Fünf Jahre später, wenige Monate vor Kriegsende wurde das Institut schließlich vom Reichsforschungsrat, der wichtigsten Institution im NS-Staat zur Steuerung der Grundlagen- und Anwendungs-forschung nach militärpolitischen Interessen, übernommen. Die Fördergelder ermöglichten es Göring, eine Reihe von Forschungsgruppen und Abteilungen am Institut einzurichten, 1941 waren 19 Angestellte unter den Mitarbeitern. Sowohl kriminal- und arbeitspsychologische Abteilungen wurden gegründet, Vorträge und Kongresse zur Bedeutung der Psychotherapie im NS-Staat organisiert und Therapien zur Behandlungen von „Kriegsneurosen“ erprobt.
Trotz der zahlreichen programmatischen Ankündigungen war methodisch wenig Neues aus der „Deutschen Seelenheilkunde“ hervorgegangen: In der Praxis kamen zumeist Kurzzeittherapien und symptomorientierte Verfahren wie autogenes Training zum Einsatz. Zu Ausbildungs- und Vortragszwecken wurden Außenstellen des Instituts in Würzburg, Frankfurt, München und Stuttgart gegründet. Im März 1938 kam nach der Zerschlagung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV) eine weitere Zweigstelle in Wien hinzu. Offiziell wurde die Wiener Außenstelle unter die Leitung des Nervenarztes Heinrich Kogerer gestellt, de facto führte vor allem der ehemalige Leiter der Erziehungsberatungsstelle der WPV August Aichhorn die Wiener Arbeitsgruppe als Lehranalytiker weiter.

Für die langfristige Entwicklung der deutschen Psychologie spielte ein weiteres Novum eine wichtige Rolle: Mit der Einführung von Lehrgängen zum „behandelnden Psychologen“ am Institut konnten sich auch Nichtmediziner für die psychotherapeutische Arbeit qualifizieren. Nach ein- bzw. zweijähriger theoretischer und praktischer Ausbildung am Göring-Institut (die von den Kandidaten selbst finanziert werden musste)waren auch sogenannte „Laien“ zur psychotherapeutischen Behandlung nach ärztlicher Zuweisung zugelassen. Der kriegsbedingte Ärztemangel hatte eine Öffnung des Berufsfelds der Psychotherapie für andere Berufsfelder hervorgebracht, welches vor allem für Psychologinnen und Psychologen eine besonders große Attraktivität ausübte: unter den „Laien“ bildeten sie die größte Gruppe der Ausbildungskandidaten. Auch in Wien fanden sich zahlreiche psychologische „Laien“ in August Aichhorns Liste von Ausbildungskandidaten, unter anderem Norbert Thumb, Lambert Bolterauer, Igor Caruso und Theodor Scharmann, von denen alle vor oder nach 1945 eine sichtbare Rolle in der österreichischen Psychologie spielten.
Im letzten Kriegsjahr war das Göring-Institut auf fast 300 Mitglieder und über 200 Ausbildungskandidaten gewachsen. Trotz des teilweise erbitterten Widerstand aus der Psychiatrie, deren Vertreter sich mit der neuen Konkurrenz auf dem Feld der Psychotherapie oft nur schwer anfreunden konnten, hatte Göring einen entscheidenden Schritt zur Professionalisierung der Psychotherapie in Deutschland beigetragen und zugleich den Status der am Institut ausgebildeten „Laien“ deutlich aufgewertet. Auch die Psychologie profitierte von dieser Entwicklung, denn für ihre Absolventinnen und Absolventen war am Göring-Institut die Türe zu einem bis dahin verschlossenen Berufsfeld geöffnet worden. Über die Arbeitsbedingungen der „behandelnden Psychologen“ in freier Praxis ist vergleichsweise wenig bekannt, jedoch gibt es einige Zeugnisse über die Behandlung von SS-Angehörigen, Wehrmachtsangehörigen und hohen Parteifunktionären, aber auch Berichte über die „Behandlung“ von Homosexualität bei Soldaten, die keinen Zweifel darüber lassen, dass das Feld der Psychotherapie keineswegs frei von ihren politischen Rahmenbedingungen agieren konnte, sondern selbst zu deren Fortbestehen beitrug.
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Norbert Thumbs psychologische Karriere begann ursprünglich als Praktiker, bis er zeitweile als Leiter des psychologischen Instituts der Universität Wien fungierte.
Die Beschreibung und Analyse der menschlichen Persönlichkeit brachte zwei Denkstörme hervor, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Die Charakterologie und die Psychotechnik standen sich dabei diametal gegenbüber.
