Die deutsche
Arbeitsfront

Psychotechnik in der Kriegsindustrie und
Zwangsarbeit

VON MARTIN WIESER
Titelbild: Karl Arnhold, Leiter des Berliner Arbeitspsychologischen Instituts,
über die Aufgabe der Psychologie in der DAF  
DER AUTOR
Gerhard Benetka ist Dekan auf der Sigmund Freud Universität Wien und schreibt seit den 80iger Jahren über die österreichische Psycho-logie im Nationalsozialismus und deren Folgen.
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Die Deutsche Arbeitsfront (DAF) bildete mit über 20 Millionen Mitgliedern die größte aller NS-Massen-organisationen, die mit Anbeginn der NS-Herrschaft an die Stelle der zerschlagenen sozialistischen Gewerkschaften treten sollte. Streng nach dem Führerprinzip organisiert, vertrat die DAF unter der Führung des „Reichsleiters“ Robert Ley als Verband der NSDAP jedoch nicht die Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter gegenüber der Politik und Industrie, sondern diente primär der ideologischen Erziehung und Mobilisierung der Arbeiterschaft zur „Volks- und Leistungsgemeinschaft“ in den Betrieben. Öffentlich bekannt wurde die DAF vor allem durch ihre Unterorganisationen wie „Kraft durch Freude“,  durch die Millionen von „Volksgenossen“ zu propagan-distischen Zwecken der Zugang zu Freizeit- und Reiseangeboten gewährt wurde, die zuvor nur für wohlhabendere Schichten erschwinglich waren.

Ab dem Kriegsbeginn erfüllte die DAF eine Schlüsselfunktion in der Versorgung der Rüstungs-produktion mit Arbeitskräften, die durch die Verluste an der Front auszudünnen drohten. Je länger der Krieg andauerte, desto größer wurde die Masse an deportierten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in der Kriegswirtschaft. Aus allen vom Deutschen Reich besetzten Gebieten Europas, vor allem aus Polen und Russland, aber auch aus Konzentrations- und Kriegsgefangenenlagern wurden Arbeitskräfte von der DAF für den Einsatz in der Rüstungsproduktion, der Landwirtschaft und beim Aufbau von Verteidigungs-stellungen mobilisiert. Ende des Jahres 1944 waren über 580.000 in zivilen Zwangs-arbeiterinnen und Zwangsarbeitern in Österreich und fast 5 Millionen im Deutschen Reich gezählt.

Schorn_Ausleseverfahren
Maria Schorn publizierte als Mitarbeiterin des Instituts für
Arbeitspsychologie und Arbeitspädagogik über Methoden zur „Auslese“ von Arbeiterinnen und Arbeitern aus den besetzten Kriegsgebieten.
Quelle: Industrielle Psychotechnik, 1942, 7-9, S. 207

Für Spezialisten auf dem Gebiet der Arbeitspsychologie stellte die DAF einen mächtigen und finanzkräftigen Bündnispartner dar. Mit dem wachsenden Bedarf an Arbeitskräften gewannen Fragen der Einschulung und Eignungsuntersuchung in der Rüstungsproduktion rasch an Bedeutung, was nicht nur den Arbeitseinsatz von „Fremdarbeitern“ mit einschloss, sondern auch von Frauen aus dem Inland. Schon seit den 1920er Jahren hatten sich psychotechnische und psychologische Institute in Deutschland und Österreich auf die Entwicklung und den Verkauf von psychologischen Verfahren zur Selektion und Anleitung von Arbeitskräften spezialisiert. Während des Zweiten Weltkriegs spielte das Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitspädagogik in Berlin-Dahlem eine besonders einflussreiche Rolle. Als Abteilung des Amtes für „Berufserziehung und Betriebsführung“ war das Dahlemer Institut direkt der DAF unterstellt und von dieser finanziert.

Unter der Leitung des Direktors und Psychologen Josef Mathieu bildete es mit acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die wahrscheinlich größte arbeitspsychologische Einrichtung im Deutschen Reich. Neben Fragen der Berufsberatung, Eignungsprüfung und der Ausbildung von Eignungsprüfern in viertägigen Kurzlehrgängen wurden von den Angehörigen des Instituts auch Spezialthemen wie der Einsatz von Frauen in der Kriegsindustrie oder die Anwendung eigens entwickelter „Grobausleseverfahren“ für fremdsprachige Arbeitskräfte bearbeitet. Zahlreiche industrielle Großbetriebe griffen auf diese Verfahren bei der Selektion von Zwangsarbeitern zurück, unter anderem die Bayrischen Motorenwerke, IG Farben, Heinkel, Junkers oder Messerschmidt. Im Vordergrund der Testverfahren sollten jene psychischen Funktionen stehen, die mit dem jeweiligen Arbeitsprozess in Verbindung waren, wie beispielsweise technisches Verständnis, manuelle Geschicklichkeit, räumliches Vorstellungsvermögen, Genauigkeit oder Sinnesschärfe.

Ende des Jahres 1944 waren über 580.000 in zivilen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in Österreich und fast 5 Millionen im Deutschen Reich gezählt

Ansbacher_1950
Testbogen aus dem Berliner Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitspädagogik für die „Schnellauslese“ von „Fremdarbeitern“.

Einige Items wurden dem US-Amerikanischen Army-Beta-Test entnommen, welcher im 1. Weltkrieg zur Auswahl von Rekruten in der US-Army entwickelt worden war
Quelle: Ansbacher, 1950, S. 41
Semperit
Psychotechnische Eignungsprüfungen von Lehrlingen bei Semperit
Quelle: Harmer, 1943

Auch auf dem Gebiete Österreichs kamen während des Zweiten Weltkriegs psychotechnische Verfahren in der Kriegswirtschaft zum Einsatz. Dokumentiert ist die Kooperation des Psychologischen Instituts der Universität Wien mit den Semperit-Gummiwerken sowie den Flugmotorenwerken Ostmark durch den Assistenten Norbert Thumb, der in den genannten Betrieben bis kurz vor Kriegsende Eignungsprüfungen zur Schnellauswahl durchführte. Testbögen und Schulungshefte aus dem Berliner Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitspädagogik finden sich auch im Archiv des Psychotechnischen Instituts, an dem Norbert Thumb Anfang der 1930er Jahre ausgebildet worden war. Der Gründer und langjähriger Leiter des Psychotechnischen Instituts Kar Hackl wurde nach dem „Anschluss“ zum Vorsitzenden der Gesellschaft für Arbeitstechnik (GEFA) ernannt, einem in Wien angesiedelten „Verein zur Förderung arbeitspädagogischer und arbeitstechnischer Untersuchungen und Forschungen“ der unter der Aufsicht der DAF stand.

In der Liste der Förderer der GEFA finden sich zahlreiche namhafte Klein- und Großproduktionsbetriebe, Handelsunternehmen und Vereinigungen, unter anderem die Reichswerke „Hermann Göring“ (die spätere VÖEST), die Eternit-Werke, AEG, Siemens, Dr. Oetker oder die Handwerkskammer. Wie die Psychologinnen und Psychologen am Berliner Institut lieferten auch Hackl und seine Mitarbeiter in Wien Testverfahren an die Industrie, bildeten Betriebsführer  aus und organisierten Fortbildungen und Vorträge unter Schirmherrschaft der DAF. Aufgrund der lückenhaften Aktenlage ist die Gesamtzahl der in der „Ostmark“ untersuchten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter bis heute unbekannt. Klar ist jedoch, dass die angewandte Psychologie auch in der „Ostmark“ zu einem Rad in der Kriegsmaschinerie wurde, um einen Beitrag zur möglichst reibungslosen Eingliederung von Arbeitskräften in die Rüstungsindustrie oder Landwirtschaft zu leisten.

Die Rolle der Psychologie in der NS-Zwangsarbeit wurde bis heute kaum aufgearbeitet. Diese Leerstelle lässt sich nicht alleine durch den Mangel an historischen Quellen erklären. Er steht auch mit einem nur mangelhaft vorhandenen Bewusstsein über die grausame Behandlung und unmenschlichen Arbeitsbedingungen der „Fremdarbeiter“ in Zusammenhang.

BIBLIOGRAPHIE

Ansbacher, H. L. (1950). Testing, management and reactions of foreign workers in Germany during World War II. American Psychologist, 5(2), 38-49.

Freund, F., Perz, B. & Spoerer, M. (2004). Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen auf dem Gebiet der Republik Österreich 1939-1945. Wien: Oldenbourg.

Geuter, U. (1987). Das Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitspädagogik der Deutschen Arbeitsfront. Eine Forschungsnotiz. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, 2(1), 87-95.

Harmer, K. (1943). Vom Lehrling über den Facharbeiter  zum Unterführer und Führer im Gummi-Betrieb. o. O.: Semperit-Gummiwerk-AG.

Moers, M. (1942). Psychologische Fragen zum Einsatz der Frau in die industrielle Arbeit. Industrielle Psychotechnik, 19(1-2), 1-8.

Schorn, M. (1942). Die praktische Durchführung eines Ausleseverfahrens  für den Ausländereinsatz. Industrielle Psychotechnik, 19(7-8), 207-216.

Wieser, M. (2020). Zur Geschichte der angewandten Psychologie in der „Ostmark“. In M. Wieser (Hrsg.), Psychologie im Nationalsozialismus (S. 167-193). Frankfurt am Main: Peter Lang.

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Martin Wieser

Psychotechnik

Aus „Psychologie“ und „Technik“ sollten „praktischen Hilfsmittel“ für „wertvolle Zwecke“ hervorgehen, jenseits der reinen Forschung praktisch nutzbar machen sollten.

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