Theodor Erismann wurde als ältester Sohn des aus der Schweiz stammendenden und an der Universität in Moskau lehrenden Hygienikers Friedrich Erismann geboren. Nach der Übersiedelung der Familie in die Schweiz legte Theodor Erismann seine Reifeprüfung ab und nahm an der Universität Zürich ein Studium der Physik auf, das er mit einer Dissertation Zur Frage der Abhängigkeit der Gravitationskraft vom Zwischenmedium abschloss. Unter dem Einfluss des Wundt-Schülers Gustav Störring (1860-1946) wandte er sich der physiologischen Psychologie zu. 1911 promovierte er in Zürich unter Störring mit seiner Dissertation Untersuchungen über die Bewegungsempfindung beim Beugen des rechten Unterarms zum Dr. phil. Erismann folgte danach seinem Lehrer nach Straßburg, wo er sich im Jänner 1913 habilitierte. Kurz darauf ging er mit Störring nach Bonn. 1921 wurde er dort zum außerordentlichen Professor ernannt. 1926 erhielt Erismann einen Ruf an die Universität Innsbruck, womit auch die Leitung des dort seit 1897 bestehenden Instituts für experimentelle Psychologie verbunden war. 1928 konnte er für sein Institut eine wissenschaftliche Hilfskraftstelle erreichen, die er zunächst mit Martha Moers besetzte (1877-1966). 1930 folgte ihr in dieser Position Hubert Rohracher (1903-1972) nach. Mit Rohracher nahm Erismann in den dreißiger Jahren die nachmals so berühmten experimentellen Untersuchungen zur Adaptation des Wahrnehmungssystems bei Störung des Sehens durch das Tragen von Umkehr-, Prismen- und Farbbrillen auf.
Während der NS-Zeit zählte Erismann zu den wenigen Hochschullehrern, die öffentlich gegen die NS-Ideologie aufzutreten wagten: Aufgrund eines kritischen Vortrags an der Volksbildungsstätte Innsbruck im Februar 1944 zur Psychologie der Massen forderte die Gauleitung von der Universitätsführung Sanktionen: In der Folge wurde er von der Teilnahme an Universitätsveranstaltungen ausgeschlossen, der Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät erteilte ihm einen strengen Verweis.
Erismann emeritierte nach einem Ehrenjahr 1955. Die Fakultät teilte seinen Lehrstuhl in zwei Extraordinariate: in ein Extraordinariat für Psychologie, das Erismanns Schüler Ivo Kohler (1915-1985) erhielt, und in ein Extraordinariat für Philosophie, das – nach heftigen Kämpfen und Intrigen (Benetka, 2000) – mit dem katholischen Philosophen Hans Windischer (1909-1975) besetzt wurde.

Erismann hat ein in thematischer Hinsicht erstaunlich breit gestreutes Oeuvre hinterlassen. In Bonn hatte er begonnen, sich der angewandten Psychologie, insbesondere aber der Arbeitspsychologie zuzuwenden (Erismann, 1920; Erismann u. Moers 1922a und b). Den Möglichkeiten einer streng naturwissenschaftlich-experimentellen begegnete er später aber zunehmend skeptisch. Sein 1924 erschienenes Buch über Die Eigenart des Geistigen (Erismann, 1924) ordnet die wissenschaftliche Erforschung der Gesetzmäßigkeiten des Erlebens den Geisteswissenschaften zu, ohne allerdings zu verkennen, dass einige Bedingungen des Eintretens von Erleben außerhalb des Erlebens selbst liegen und daher mit naturwissenschaftlichen Methoden erfasst werden können. Eine vorwiegend geisteswissenschaftliche Orientierung in der Psychologie schloss für ihn also experimentelle Forschung nicht aus – wie die von ihm initiierten Innsbrucker Brillenversuche bezeugen. Das gesamte Material über die Versuchsreihen überließ Erismann am Ende der dreißiger Jahre seinem Schüler Ivo Kohler, der sich in der Folge um eine systematische Darstellung und Klärung der bei langanhaltenden Störungen des normalen Sehvorgangs auftretenden Phänomene, insbesondere der nach dem Ablegen der Brillen intermittierend auftretenden Nacheffekte („Situations-Nacheffekte“) bemühte (Kohler, 1951).
Ein Interessengebiet, das Erismann über viele Jahre hinweg immer wieder beschäftigte, war die Psychologie der Massen (z. B. Erismann, 1930 u. 1947a). Bemerkenswert ist darüber hinaus seine um das Problem der Willensfreiheit, um Fragen von Schuld und Strafe kreisende Psychologie des Rechts (Erismann, 1947b), in der u. a. auch psychologische Methoden der Wahrheitsfindung diskutiert wurden. Es handelt sich um ein Thema, das Erismann bereits anlässlich des spektakulären antisemitischen „Schauprozesses“ gegen den des Vatermords bezichtigten – und später als Fotograf zu Weltberühmtheit gelangten – Philipp Halsmann Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre beschäftigt hatte (Pollack, 2002). Aus Erismanns Beiträgen zur Wissenschaftstheorie ist schließlich noch das Buch Wahrscheinlichkeit im Sein und Denken (Erismann, 1954) hervorzuheben, in dem er sich mit dem Problem des Nachweises der logischen Berechtigung des Induktionsschlusses befasste.
Benetka, Gerhard, (2000).
Der „Fall“ Stegmüller. In Friedrich Stadler (Hg.), Elemente moderner Wissenschaftstheorie. Wien: Springer, S. 123-176
Benetka, Gerhard u. Guttmann, Giselher, (2001).
Akademische Psychologie in Österreich. Ein historischer Überblick. In Karl Acham (Hg.), Geschichte der österreichischen Humanwissenschaften. Band 3/1: Menschliches Verhalten und gesellschaftliche Institutionen: Einstellung, Sozialverhalten, Verhaltensorientierung. Wien: Passagen Verlag, S. 83-167
Erismann, Theodor, (1920). Angewandte Psychologie. Berlin: Vereinigung wissenschaftlicher Verleger (Sammlung Göschen Bd. 774)
Erismann, Theodor u. Moers, Martha, (1922a).
Psychologie der Berufsarbeit und der Berufsberatung (Psychotechnik). Band 1. Allgemeiner Teil. Berlin: Vereinigung wissenschaftlicher Verleger (Sammlung Göschen Bd. 851)
Erismann, Theodor u. Moers, Martha, (1922b).
Psychologie der Berufsarbeit und der Berufsberatung (Psychotechnik). Band 2. Spezieller Teil. Berlin: Vereinigung wissenschaftlicher Verleger (Sammlung Göschen Bd. 852)
Erismann, Theodor, (1924).
Die Eigenart des Geistigen. Induktive und einsichtige Psychologie. Leipzig: Quelle & Meyer
Erismann, Theodor, (1930).
Massenpsychose und Individuum. Berlin: Karger
Erismann, Theodor, (1947a). Massenpsychologie und unsere Zeit. Wiener Zeitschrift für Philosophie, Psychologie, Pädagogik, 1
Erismann, Theodor, (1947b). Psychologie und Recht. Bern: Francke
Erismann, Theodor, (1954).
Wahrscheinlichkeit im Sein und Denken. Wien: Sexl
Kohler, Ivo, (1951).
Über Aufbau und Wandlungen der Wahrnehmungswelt. Insbesondere über „bedingte Empfindungen“. Wien: Österreichische Akademie der Wissenschaften
Pollack, Martin, (2002).
Anklage Vatermord. Der Fall Philipp Halsmann. Wien Zsolnay
Dass der 1903 in Osttirol geborene Hubert Rohracher mit vierzig Jahren zum Lehrstuhlinhaber des Psychologischen Instituts ernannt werden sollte, hätte er sich vermutlich selbst noch wenige Monate zuvor nicht träumen lassen.
