Über Norbert Thumb

Norbert Thumbs psychologische Karriere begann ursprünglich als Praktiker, bis er zeitweile als Leiter des psychologischen Instituts der Universität Wien fungierte.

VON MARTIN WIESER
 
Titelbild: Semperik Gummiwerke
DER AUTOR
Martin Wieser ist Projektmitarbeiter in dem Forschungsprojekt „Psychologie in der Ostmark“ an der SFU Berlin, seit 2020 ist er Projektleiter des Nachfolgeprojekts „Theorie, Praxis und Konsequenzen der Operativen Psychologie“.
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Über sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist der Name Norbert Thumb innerhalb der österreichischen Psychologie kaum mehr bekannt, ebenso wie die Tatsache, dass er sieben Jahre lang an der eine zentrale Rolle am größten Psychologischen Institut Österreichs spielen sollte. Der Ursprung des Vergessens könnte auch darin liegen, dass seine Karriere in der Psychologie erst durch die „Gleichschaltung“ der Universität und die Militarisierung der „Ostmark“ möglich wurde. Dass ein psychologischer Praktiker, ein „Psychotechniker“, der ursprünglich Maschinenbau studiert hatte, die Institutsgeschäfte über Jahre hinweg am Laufen hielt, die Lehre am Institut organisierte und die Institutskasse mit lukrativen Aufträgen aus der Industrie füllte, wäre vor dem „Anschluss“ kaum möglich gewesen – doch mit dem Beginn der NS-Herrschaft war auch an den Universitäten vieles Realität geworden, was vorher undenkbar war.

Norbert Thumbs psychologische Karriere begann ursprünglich als Praktiker, im Rahmen seiner Ausbildung zum „Psychotechniker“ an dem privaten, von Karl Hackl gegründeten Psychotechnischen Institut in Wien im Jahr 1930. An der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sollte psychologisches Wissen nutzbar gemacht werden – zur Berufsberatung und Arbeitsplatzgestaltung, vor allem aber zur Messung und zum Vergleich der psychischen Leistungsfähigkeit von Schülern, Lehrlingen und Arbeitslosen. Als Mitarbeiter am Psychotechnischen Instituts wurde Thumb beauftragt, ein Psychologiestudium zu absolvieren. 1936 folgte die Promotion an dem von Karl Bühler geleiteten Psychologischen Institut der Universität Wien, wo sich Thumb durch seine Statistikkenntnisse als wissenschaftliche Hilfskraft besonders hervortat.

Norbert Thumbs Dienstausweis der Industriellen Bezirkskommission,
1935

Quelle: Privatarchiv Ingrid Thumb 

Dienstausweis Norbert Thumb

Die Annexion Österreichs hatte nicht nur die Vertreibung von Karl und Charlotte Bühler zur Folge, sondern auch das Entstehen eines personellen Vakuums am Institut. Norbert Thumb brachte sich nicht nur durch seinen rasch gestellten Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP in Stellung, sondern füllte auch mit Eifer die Leerstelle am Institut. Bis 1943 sollte es dauern, bis mit Hubert Rohracher eine dauerhafte neue Leitung für das Institut eingerichtet werden konnte. Bis dahin fiel Norbert Thumb nicht nur in der Administration und Lehre des Instituts eine wichtige Rolle zu, sondern auch durch den Aufbau von Kooperationen mit Rüstungsindustrie und der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt. Als die Ressourcen an den Universitäten kriegsbedingt immer knapper wurden, blieb das Psychologische Institut lange vor der Schließung verschont – nicht zuletzt durch Gelder aus der Rüstungsindustrie, die Thumb mit psychologischen Testverfahren zur „Schnellauslese“ von Zwangsarbeitern belieferte.

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Psychotechnische Eignungsuntersuchungen von Lehrlingen bei Semperit, 1943
Quelle: Hamer, Vom Lehrling über den Facharbeiter zum Unterführer  und Führer im Gummibetrieb, S. 21 
Untersuchungen der motorischen Geschicklichkeit unter Aufsicht Norbert Thumbs.
Quelle: Privatarchiv Susanne Hackl-Grümm,
Archiv des Psychotechnischen Instituts Wien 
Hubert Rohracher bei Testung

Nach Kriegsende intervenierte Rohracher, um den inzwischen unliebsam gewordenen Thumb so schnell als möglich vom Psychologischen Institut entfernen zu lassen. Thumb kehrte schließlich dorthin zurück, wo seine akademische Karriere einst begonnen hatte: An der Technischen Universität Wien wurde er 1951 habilitiert und las fortan über „Menschenführung im Betrieb“ und andere betriebswirtschaftliche Themengebiete. Als „minderbelasteter“ hatte Thumb keine Schwierigkeiten durch seine NSDAP-Mitgliedschaft mehr zu erwarten. Auch wenn Thumbs Karriere als Psychologie schließlich in Vergessenheit geraten sollte, repräsentiert sie doch eine weit verbreitete Strategie, die viele andere Vertreter seines Faches während der NS-Zeit wählten: Nicht notwendigerweise aus voller Überzeugung, aber um ihr eigenes beruflichen Fortkommen willen passten sie sich den Erfordernissen der „neuen“ Zeit an. Die Suche nach potentiellen Abnehmern für psychologische Dienstleistungen war im Militär, der Kriegsindustrie oder in anderen NS-Organisationen durchaus erfolgreich. Auch unter den Bedingungen des „totalen Krieges“ konnte das Psychologische Institut der Universität Wien den Betrieb am Laufen halten, bis es schließlich unter dem Bombenhagel selbst vom Krieg heimgesucht wurde.

„Nicht notwendigerweise aus voller Überzeugung,
aber um ihr eigenes beruflichen Fortkommen
willenpassten sich viele Psycholog:innen
den Erfordernissen der „neuen“ Zeit an.“

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Psychotechnik

Aus „Psychologie“ und „Technik“ sollten „praktischen Hilfsmittel“ für „wertvolle Zwecke“ hervorgehen, jenseits der reinen Forschung praktisch nutzbar machen sollten.

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Die deutsche Arbeitsfront

Die Deutsche Arbeitsfront bildete mit über 20 Millionen Mitgliedern die größte aller NS-Massen-organisationen, die mit Anbeginn der NS-Herrschaft an die Stelle der zerschlagenen sozialistischen Gewerkschaften treten sollte.

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