Norbert Thumbs psychologische Karriere begann ursprünglich als Praktiker, im Rahmen seiner Ausbildung zum „Psychotechniker“ an dem privaten, von Karl Hackl gegründeten Psychotechnischen Institut in Wien im Jahr 1930. An der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sollte psychologisches Wissen nutzbar gemacht werden – zur Berufsberatung und Arbeitsplatzgestaltung, vor allem aber zur Messung und zum Vergleich der psychischen Leistungsfähigkeit von Schülern, Lehrlingen und Arbeitslosen. Als Mitarbeiter am Psychotechnischen Instituts wurde Thumb beauftragt, ein Psychologiestudium zu absolvieren. 1936 folgte die Promotion an dem von Karl Bühler geleiteten Psychologischen Institut der Universität Wien, wo sich Thumb durch seine Statistikkenntnisse als wissenschaftliche Hilfskraft besonders hervortat.
Quelle: Privatarchiv Ingrid Thumb

Die Annexion Österreichs hatte nicht nur die Vertreibung von Karl und Charlotte Bühler zur Folge, sondern auch das Entstehen eines personellen Vakuums am Institut. Norbert Thumb brachte sich nicht nur durch seinen rasch gestellten Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP in Stellung, sondern füllte auch mit Eifer die Leerstelle am Institut. Bis 1943 sollte es dauern, bis mit Hubert Rohracher eine dauerhafte neue Leitung für das Institut eingerichtet werden konnte. Bis dahin fiel Norbert Thumb nicht nur in der Administration und Lehre des Instituts eine wichtige Rolle zu, sondern auch durch den Aufbau von Kooperationen mit Rüstungsindustrie und der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt. Als die Ressourcen an den Universitäten kriegsbedingt immer knapper wurden, blieb das Psychologische Institut lange vor der Schließung verschont – nicht zuletzt durch Gelder aus der Rüstungsindustrie, die Thumb mit psychologischen Testverfahren zur „Schnellauslese“ von Zwangsarbeitern belieferte.

Nach Kriegsende intervenierte Rohracher, um den inzwischen unliebsam gewordenen Thumb so schnell als möglich vom Psychologischen Institut entfernen zu lassen. Thumb kehrte schließlich dorthin zurück, wo seine akademische Karriere einst begonnen hatte: An der Technischen Universität Wien wurde er 1951 habilitiert und las fortan über „Menschenführung im Betrieb“ und andere betriebswirtschaftliche Themengebiete. Als „minderbelasteter“ hatte Thumb keine Schwierigkeiten durch seine NSDAP-Mitgliedschaft mehr zu erwarten. Auch wenn Thumbs Karriere als Psychologie schließlich in Vergessenheit geraten sollte, repräsentiert sie doch eine weit verbreitete Strategie, die viele andere Vertreter seines Faches während der NS-Zeit wählten: Nicht notwendigerweise aus voller Überzeugung, aber um ihr eigenes beruflichen Fortkommen willen passten sie sich den Erfordernissen der „neuen“ Zeit an. Die Suche nach potentiellen Abnehmern für psychologische Dienstleistungen war im Militär, der Kriegsindustrie oder in anderen NS-Organisationen durchaus erfolgreich. Auch unter den Bedingungen des „totalen Krieges“ konnte das Psychologische Institut der Universität Wien den Betrieb am Laufen halten, bis es schließlich unter dem Bombenhagel selbst vom Krieg heimgesucht wurde.
Aus „Psychologie“ und „Technik“ sollten „praktischen Hilfsmittel“ für „wertvolle Zwecke“ hervorgehen, jenseits der reinen Forschung praktisch nutzbar machen sollten.
Die Deutsche Arbeitsfront bildete mit über 20 Millionen Mitgliedern die größte aller NS-Massen-organisationen, die mit Anbeginn der NS-Herrschaft an die Stelle der zerschlagenen sozialistischen Gewerkschaften treten sollte.
