Über das Archiv

Die österreichische Psychologie
im Nationalsozialismus zwischen
Ideologie und Dienstbarkeit

EIN PROJEKT DER SIGMUND FREUD PRIVATUNIVERSITÄT
Projekteckdaten
Laufzeit
01.04.2016 bis 31.03.2020
Projektteam

Univ.-Prof. Dr. Gerhard Benetka SFU Wien
gerhard.benetka@sfu.ac.at

Ass.-Prof. Dr. Dr. Martin Wieser SFU Berlin
martin.wieser@sfu-berlin.de
GEFÖRDERT VON
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Während die Geschichte der akademischen Psychologie zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland seit den 1980er Jahren intensiv beforscht wurde, liegen vergleichbare Untersuchungen über die Entwicklung der österreichischen Psychologie bis heute nur in Form einiger schwer zugänglicher Einzelfalluntersuchungen aus den 1980er und 1990er Jahren vor. Diese Forschungslücke lässt sich sowohl auf eine lang tradierte Kultur der Verdrängung der Zeit des Nationalsozialismus und der „Opferthese“ in Österreich zurückführen, steht aber auch im Zusammenhang mit einem bis in die 1980er Jahre fest etablierten Narrativ von der Psychologie als „Opfer“ der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik.

Tatsächlich litt die Disziplin zwar wie alle Disziplinen unter der Vertreibung und Verfolgung jüdischer und politisch missliebiger Fachvertreter, erfuhr jedoch auch einen intensiven Professionalisierungsschub durch die Einführung der Diplomprüfungsordnung 1941. Damit in Zusammenhang stand nicht nur die Einrichtung neuer Lehrstühle an den Universitäten, sondern vor allem auch die Ausweitung der psychologischen Praxisfelder im Militär, der Industrie und dem Wohlfahrtssystem. Wie sich dieser Prozess in Österreich gestaltete, blieb bis dato jedoch nur schlaglichtartig beleuchtet und wurde im Rahmen des Projekts „Psychologie in der ‚Ostmark‘. Zwischen Ideologie und Dienstbarkeit“ an der Sigmund Freud PrivatUniversität systematisch beleuchtet.

GERHARD BENETKA
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MARTIN WIESER
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Auf Basis umfangreicher Literatur-, Archiv- und Korrespondenzrecherchen in Deutschland und Österreich wurde im Rahmen des Projekts erstmals eine systematische Rekonstruktion der Brüche und Kontinuitäten innerhalb der österreichischen Psychologie zwischen dem „Anschluss“ 1938 und dem Ende des Zweiten Weltkrieges begonnen. Im Rahmen der Untersuchung wurde unter anderem die schon seit der Zwischenkriegszeit anhaltende Spannung zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Ansätzen in den Blick genommen, welche nach der „Machtergreifung“ in eine Konjunktur der Rassenpsychologie und anderer ideologisch an den NS anschlussfähiger Strömungen mündete. Zentrale Elemente der nationalsozialistischen Weltanschauung, wie der Rassenideologie und der Eugenik, waren zwischen 1938 und 1945 auch in psychologischen Lehrbüchern und Forschungsarbeiten stark präsent. Besonders bedeutsam für die Entwicklung der Psychologie während des NS erwies sich die Verwertbarkeit psychologischer Praktiken zur Selektion von Offizieren und Spezialisten in der Wehrmacht, zur Auswahl von Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern in der Rüstungsindustrie, zur Begutachtung in der Jugendfürsorge und im Kontext der Feststellung der „Aufwandwürdigkeit“ von Kindern in der Fürsorge.


Bei den in diesem online-Archiv  enthaltenen Texten handelt es sich zum größten Teil um originäre Beiträge, die auf Recherchen aus dem Forschungsprojekt zurückgehen. Die herangezogene Literatur sowie weitere einschlägige historische Forschungsarbeiten aus der  NS-Forschung finden sich im Anhang der Texte. Das online-Archiv wird laufend erweitert.

 

Zerstörtet psychologisches Institut in der Liebiggasse
Das Institut für Psychologie
der Universität Wien,
1945
VERÖFFENTLICHTE PROJEKTBEITRÄGE
Benetka, G. (2019). Bezugnahmen auf Wissenschaft im Nationalsozialismus: das Beispiel der Psychologie. In A. Kranebitter & C. Reinprecht (Hrsg.),  Die Soziologie und der Nationalsozialismus in Österreich (S. 93-114). Bielefeld: transcript.

Benetka, G. & Wieser, M. (2018). Krise. In C. Kölbl & A. Sieben (Hrsg.), Stichwörter zur Kulturpsychologie (S. 217-222). Gießen: Psychosozial-Verlag.

Joerchel, A. C., & Benetka, G. (Hrsg.). (2018). Memories of Gustav Ichheiser – Life and work of an exiled social scientist. Cham: Springer.

Mayer, T. & Geiger, K. (2018). Flucht als Problem und Chance in der Wiener Nachkriegspsychiatrie. In D. Angetter & B. Nemec & H. Posch & P. Weindling (Hrsg.), Strukturen und Netzwerke. Medizin und Wissenschaft in Wien 1848-1955 (S. 669-692). Vienna University Press.

Mayer, T. (2019). Konrad Lorenz als Erb- und Rassenforscher. In A. Pinwinkler & J. Koll (Hrsg.). Zuviel Ehre? Interdisziplinäre Perspektiven auf akademische Ehrungen in Deutschland und Österreich (S. 253-274). Wien u.a.: Böhlau Verlag.

Mayer, M. (2020). Konrad Lorenz und die vergleichende Psychologie. Der Versuch der Etablierung einer neuen Disziplin als Revolution der Psychologie in Deutschland vor 1945. In M. Wieser (Hrsg.), Psychologie im Nationalsozialismus (S. 153-166). Frankfurt am Main: Peter Lang.

Wieser, M. (2018). Buried layers: On the origins, rise, and fall of stratification theories. History of Psychology, 21(1), 1-32.

Wieser, M. (2019a). Von „Erziehung statt Strafe“ zur „Stählung des Charakters“: Psychotechnik und Erbbiologie in den österreichischen „Bundesanstalten für Erziehungsbedürftige“, 1929-1945. Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften, 30(1), 192-215.

Wieser, M. (2019b). Norbert Thumb und der Aufstieg der angewandten Psychologie in der „Ostmark“. Psychologie in Österreich, 39(1-2), 106-115.

Wieser, M. (2019c). Psychology in National Socialism [Psychologie im Nationalsozialismus] at Sigmund Freud Private University Berlin, July 27–28, 2018. History of Psychology, 22(1), 107-109.

Wieser, M. (Hrsg.). (2020). Psychologie im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main: Peter Lang.

Wieser, M. (2020a). Einleitung. In M. Wieser (Hrsg.), Psychologie im Nationalsozialismus (S. 7-22). Frankfurt am Main: Peter Lang.
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