

Während die Geschichte der akademischen Psychologie zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland seit den 1980er Jahren intensiv beforscht wurde, liegen vergleichbare Untersuchungen über die Entwicklung der österreichischen Psychologie bis heute nur in Form einiger schwer zugänglicher Einzelfalluntersuchungen aus den 1980er und 1990er Jahren vor. Diese Forschungslücke lässt sich sowohl auf eine lang tradierte Kultur der Verdrängung der Zeit des Nationalsozialismus und der „Opferthese“ in Österreich zurückführen, steht aber auch im Zusammenhang mit einem bis in die 1980er Jahre fest etablierten Narrativ von der Psychologie als „Opfer“ der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik.
Tatsächlich litt die Disziplin zwar wie alle Disziplinen unter der Vertreibung und Verfolgung jüdischer und politisch missliebiger Fachvertreter, erfuhr jedoch auch einen intensiven Professionalisierungsschub durch die Einführung der Diplomprüfungsordnung 1941. Damit in Zusammenhang stand nicht nur die Einrichtung neuer Lehrstühle an den Universitäten, sondern vor allem auch die Ausweitung der psychologischen Praxisfelder im Militär, der Industrie und dem Wohlfahrtssystem. Wie sich dieser Prozess in Österreich gestaltete, blieb bis dato jedoch nur schlaglichtartig beleuchtet und wurde im Rahmen des Projekts „Psychologie in der ‚Ostmark‘. Zwischen Ideologie und Dienstbarkeit“ an der Sigmund Freud PrivatUniversität systematisch beleuchtet.


Auf Basis umfangreicher Literatur-, Archiv- und Korrespondenzrecherchen in Deutschland und Österreich wurde im Rahmen des Projekts erstmals eine systematische Rekonstruktion der Brüche und Kontinuitäten innerhalb der österreichischen Psychologie zwischen dem „Anschluss“ 1938 und dem Ende des Zweiten Weltkrieges begonnen. Im Rahmen der Untersuchung wurde unter anderem die schon seit der Zwischenkriegszeit anhaltende Spannung zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Ansätzen in den Blick genommen, welche nach der „Machtergreifung“ in eine Konjunktur der Rassenpsychologie und anderer ideologisch an den NS anschlussfähiger Strömungen mündete. Zentrale Elemente der nationalsozialistischen Weltanschauung, wie der Rassenideologie und der Eugenik, waren zwischen 1938 und 1945 auch in psychologischen Lehrbüchern und Forschungsarbeiten stark präsent. Besonders bedeutsam für die Entwicklung der Psychologie während des NS erwies sich die Verwertbarkeit psychologischer Praktiken zur Selektion von Offizieren und Spezialisten in der Wehrmacht, zur Auswahl von Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern in der Rüstungsindustrie, zur Begutachtung in der Jugendfürsorge und im Kontext der Feststellung der „Aufwandwürdigkeit“ von Kindern in der Fürsorge.
Bei den in diesem online-Archiv enthaltenen Texten handelt es sich zum größten Teil um originäre Beiträge, die auf Recherchen aus dem Forschungsprojekt zurückgehen. Die herangezogene Literatur sowie weitere einschlägige historische Forschungsarbeiten aus der NS-Forschung finden sich im Anhang der Texte. Das online-Archiv wird laufend erweitert.

